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Es darf gelacht werden!

Mag. Sigrid Sohlmann

Interview und Fotos von Karin Bischof


Mag. Sigrid Sohlmann, Psychotherapeutin, Kinder- und Jugendtherapeutin (systemische Familientherapie) arbeitet seit vielen Jahren als Supervisorin mit dem Schwerpunkt Medizin, Pädagogik, Behinderung (u. a. bei der Österreichischen Autistenhilfe Wien, X-Point Schulsozialarbeit, Verein Young, MAG ELF Wien, Rat auf Draht).



Wann brauchen Helfer Hilfe?
Eigentlich immer. Nehmen wir ein Beispiel: Gerade junge Ärzte/Ärztinnen tragen anfangs eine große Verantwortung, die sie noch nicht gewohnt sind und sind oft verunsichert. Darf ich dies und das entscheiden? Muss ich allein entscheiden oder soll ich einen anderen Arzt fragen? Stehe ich dann als Verlierer da? Hinzu kommt, dass im Krankenhausalltag diese Verunsicherung und der Stress nicht immer wahrgenommen werden. Es fehlt oft das Lob, das positive Feedback, Unzufriedenheit macht sich breit. Da ist der Weg zum Burnout, zu körperlichen Beschwerden, zu Angstzuständen, zu Schlafstörungen etc. nicht mehr weit. Leider ist es oft so, dass die Supervision erst dann, wenn die Lage bereits akut ist, als Hilfe in Betracht gezogen wird.


Was macht eine Supervisorin?
Aus systemischer Sicht ist die Supervisorin eine neutrale, außenstehende, im besten Fall nicht in das System verstrickte Fragerin. Sie erkundet, erfragt neugierig und offen die Muster, Regeln und ‚Landkarten‘ aller an den Problemen beteiligten Personen. Sie arbeitet zukunftsorientiert und ist bemüht, Ressourcen zu entdecken und zu beleben und andere Perspektiven zu entwickeln. Systemische Supervision arbeitet mit den Mitteln des Gespräches, mit Fragen, Aufstellungen, Rollenspielen u. v. m. und bezieht ständig die Ideen und Erfahrungen der ganzen Gruppe mit ein.


Was kann ich mir darunter vorstellen?
Neugier und Respektlosigkeit gegenüber Theorien und Althergebrachtem sind erlaubt und willkommen, aber Respekt und liebevoller Umgang mit Menschen sind Grundregeln. Deshalb muss auch niemand etwas (mit)machen oder erzählen oder von sich herzeigen, wozu er/sie (noch) nicht bereit ist!



"Die Arbeit mit Menschen ist äußerst anstrengend."



Wann weiß ich, ob ich Hilfe, also die Supervision, brauche?
Wenn jemand nicht mehr gerne in die Arbeit geht, wenn er oder sie sich in eine Krankheit flüchtet, wenn die Arbeitssituation, zum Beispiel mit Klient(inn)en, Patient(inn)en, Kolleg(inn)en oder Vorgesetzten gespannt ist oder wenn jemand das Gefühl hat, einfach nicht gut genug zu arbeiten, dann ist es höchste Zeit für eine „Drüberschau“, wie Supervision auf deutsch bezeichnet wird.


Sind das Ausnahmezustände, die nur selten passieren?
Nein, gar nicht! Im Gegenteil. Die Arbeit mit Menschen – sei es im Pflegebereich, in der Schule als Lehrer/-in, als Arzt/Ärztin, als Therapeut/-in etc. – ist äußerst anstrengend. Daher kommt es ständig zu Situationen, wo Supervision nötig wäre. Das Problem dabei ist, dass sehr viele Institutionen, vom Krankenhaus über die Schule bis hin zum Seniorenheim, dieser Art der Unterstützung zu wenig Augenmerk schenken. Bei vielen sind die finanziellen Möglichkeiten nicht gegeben, bei vielen ist die Sensibilität für die Problematik nicht da. Und dann schaut es in der Realität halt oft so aus, dass in manchen sozialen Einrichtungen pro forma vier Gruppensupervisionen pro Jahr gemacht werden, was im Endeffekt nur eine Augenauswischerei ist.



"Ich verstehe, wenn es vielen kollektiv die Haare aufstellt, wenn sie Supervision hören."



Warum? Ist nicht wenig Unterstützung besser als gar nichts?
Nicht, wenn die Leute zu Gruppensupervisionen verpflichtet werden, was in den meisten Fällen der Fall ist. Da ordnet eine leitende Stelle ein paar Sitzungen für eine Abteilung an, damit halt auch Supervision gemacht wird, und dann sitzen zehn Leute in einem Raum, die sich vor allen anderen den Frust von der Seele reden sollen. Aber Achtung! Da sitzt dann auch der Kollege, den du nicht leiden kannst und du weißt nicht, was der mit den Informationen macht ... Manchmal sind auch die Vorgesetzten dabei und du sollst erzählen, wie überfordert du bist? Das funktioniert so nicht. Manchmal kommt es sogar vor, dass die Supervision von einem Vorgesetzten geleitet wird, weil der halt auch die Ausbildung hat, und da frage ich: Wer wird da schon sein Innerstes nach außen kehren? Ich verstehe, wenn es vielen kollektiv die Haare aufstellt, wenn sie das Wort Supervision hören. Schade, denn so muss es nicht sein, so DARF es eigentlich nicht sein.


Sondern?
Supervision funktioniert nur dann, wenn die Bereitschaft der Beteiligten da ist. Ich kann ja niemanden zur Supervision zwingen. Es muss die Chemie zwischen Supervisor und Supervisand stimmen. Ich hab schon Gruppen und Personen abgelehnt, weil ich gemerkt habe, dass die Chemie nicht stimmt, und genauso würde ich es auch umgekehrt akzeptieren.



Besteht eine große Diskrepanz zwischen der Erwartungshaltung der Supervisanden, also der „Helfer“, die sich Hilfe erwarten, und der Hilfe durch Supervision?
Nein! Wenn eine Gruppe motiviert ist und einen geeigneten Supervisor hat, gibt’s da keine unerfüllten Erwartungen. Selbiges gilt bei der Einzelsupervision.


Thema Kosten ...
Ja, das ist ein Problem für viele Helfer, die sich die Supervision meistens selber bezahlen müssen. Die Preise reichen von 80 bis 220 Euro die Stunde, im Wirtschaftsbereich geht’s wesentlich höher los. Wenn ich jetzt nachrechne, was eine Pflegefachkraft zum Beispiel in einem Seniorenheim verdient und was die für Supervision ausgeben müsste – das passt nicht zusammen. Hier appelliere ich an eine vernünftige Preisgestaltung der Anbieter!
 

Was sind die typischen Probleme von Helfern?
Du gibst und gibst und kriegst so wenig oder nichts zurück.


 


"Die soziale Kompetenz wird verbessert. Wichtig für Menschen, die im Team arbeiten."



Und der monatliche Lohn?
Nein, das reicht bei Weitem nicht aus! Es geht nicht nur um Geld, sondern in der Arbeit mit Menschen braucht es viel mehr: Wertschätzung, Anerkennung. Welche Schätzung erfahren, auch vom Image her, Altenpfleger? Krankenschwestern? Lehrer? Behindertenbetreuer? Ist deren Image dasselbe wie jenes eines Firmenchefs? Des Journalisten? Rechtsanwaltes?  Wohl kaum. Und diese Nicht-Wertschätzung drückt sich auch in niedrigen Löhnen aus. Dabei sind diese Arbeiten enorm anstrengend. Man darf nicht abflachen im Umgang mit den Menschen, die man betreut. Man muss respektvoll mit ihnen umgehen, egal, in welchem Zustand der Mensch ist. Man soll stets einfühlsam und verständnisvoll sein. Da reicht Geld als Lohn allein nicht aus.
 

Was kann mit Supervision abgefangen werden?
Das Arbeitsklima kann verbessert werden, die eigenen Fähigkeiten können besser eingesetzt werden. Wenn etwas passiert, dann hilft die Supervision als Feuerwehr, als Krisenmanagement, indem das Problem besprochen und nach einer Lösung gesucht wird. Es werden Wege aufgezeigt, wie ich mich noch besser ausbilden kann, wo und wie ich von den anderen lernen kann, dass es für ein Problem nicht immer nur eine Lösung, sondern oft mehrere gibt. Oder, um ein weiteres wichtiges Beispiel aufzuzeigen: Die soziale Kompetenz wird verbessert. Das ist sehr wichtig, weil die meisten Helfer im Team arbeiten und auch im Team klarkommen müssen.


Was ist der beste Zeitpunkt für eine Supervision?
Die Supervision ist eine Entlastung und Hilfestellung für die Arbeit, insofern wäre es am besten, von Beginn an diese Hilfe in Anspruch nehmen zu können.
 

Und wann kommen die Menschen tatsächlich?
Die meisten dann, wenn es brennt. Oft verlang ein Team erst danach, wenn das Problem so eskaliert, die Situation so verfahren ist, dass intern niemand mehr ein oder aus weiß.
 

Welche Situation kann das sein?

Wenn zum Beispiel ein Mitarbeiter, der schon tagelang mit schwierigen Jugendlichen zu tun hatte, nach einem Nachtdienst nach Hause gehen will und erfährt, dass er noch einen Dienst dranhängen muss, weil der Kollege erkrankt ist. Dann explodiert die Situation natürlich, weil der Mitarbeiter einfach nicht mehr kann. So eine Situation kann man mit einer Supervision lösen, indem der Betroffene seinen Frust, die Wut und das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, aussprechen kann. Das Problem kann im Team kommuniziert und gemeinsam nach Lösungen gesucht werden.
 

Warum kommen Menschen zu spät, also in Akutsituationen?
Viele denken sich: ‚Ich schaff das schon! Ich geb mir keine Blöße vor mir und den anderen‘. Gerade die Frauen, die im Sozialbereich stark vertreten sind, tun sich schwer, Hilfe anzunehmen. Viele haben auch Angst, dass es heißt: ‚Naja, klar, das schwache Geschlecht braucht Hilfe.‘ Und dann gibt’s da noch die finanzielle Ebene: Eine alleinerziehende Mutter mit Pflegeberuf kann sich die Supervision privat nicht so einfach leisten. Ich erlebe oft gerade in pädagogischen Berufen Menschen, die  in der heutigen Zeit Hilfe und Unterstützung ganz dringend bräuchten, aber oft nicht gewillt sind, Supervision aus eigener Tasche zu bezahlen. Das finde ich schade, da sie sich ihr Leben leichter machen könnten und mehr Freude an ihrem Beruf finden würden.
 

Warum bezahlen das nicht die Organisationen?
Weil die das Geld dafür entweder nicht bekommen oder es falsch verteilen. Die wissen oft um die Dringlichkeit und können es nicht finanzieren.
 


Wenn ich Supervision mache, worauf muss ich mich als Teilnehmer/-in einlassen?
Ich muss mich auf einen gemeinsamen, zeitlich begrenzten Arbeitsprozess einlassen – egal, wie der läuft. Ich als Supervisorin muss mich auf den Supervisanden einlassen, auf seine Bedürfnisse, seine Emotionen – Angst, Aggression etc. –, auf seine Unsicherheit, auf seinen Charakter. Ich gebe viel Empathie, ich gebe ihm Platz für seine Sorgen, ich bin neutral, ich als Supervisorin werte nicht. Ich biete anhand mehrerer Methoden Lösungsmöglichkeiten.
 


"Wenn ich Supervision höre, denk ich mir ‚Super!‘, da kann ich alles rauslassen."



Und selber? Nehmen Sie Supervision in Anspruch?
Ja natürlich! Wenn ich Supervision höre, dann denk ich mir ‚Super!‘. Da kann ich alles rauslassen, kann mir, wenn ich Zweifel bei Entscheidungen habe, noch eine andere Sichtweise anhören und dann meine Entscheidungen treffen.



Wie gehen die Auftraggeber mit der Schweigepflicht der Supervisor(inn)en um?
Es wird vor der Supervision, zum Beispiel mit einem Team oder einzeln, ein Vertrag gemacht. Da wird bestimmt, ob der Auftraggeber, etwa die Leitung einer Krankenabteilung, eines Referates, eines Kindergartens, einer Firma etc. mit in die Supervision kommen darf. Ich halte es nicht immer für sinnvoll, wenn die Vorgesetzten integriert werden. Ich habe das zum Beispiel in einer Institution für Behinderte erlebt. Da war der Auftraggeber, also der Leiter, bei der Supervision dabei und niemand hat den Mund aufgemacht, weil der ‚Chef‘ da ist. In dem Fall ist es schad’ ums Geld und das sollte vor der Supervision mit dem Team abgeklärt werden, was die Mitarbeiter wünschen. Manchmal ist es aber auch wichtig, den Auftraggeber nach Absprache mit dem Team einzuladen, um mit ihm gemeinsam unter fremder Leitung über aufgetretene Probleme zu diskutieren und Veränderungen herbeizuführen.
 

Was macht gute Supervisor(inn)en aus?
Eine gute Ausbildung! Außerdem ist Erfahrung im Bereich der Psychotherapie immer sehr hilfreich, um ein besseres Verständnis für Gefühle, Aktionen der Beteiligten zu haben und einen neutraleren Umgang mit Problemen zu bekommen. Er/sie braucht Selbstbewusstsein, muss selber sehr reflektiert sein, stets den Überblick behalten, unabhängig, ehrlich und für mich ein ganz wichtiger Punkt: Humor! Supervisor(inn)en sollten viel davon haben, denn die Supervision soll auch Spaß machen. Es darf gelacht werden, denn Arbeit ohne Humor ist witzlos! ///



Bücher von Sigrid Sohlmann:


„Behinderung bei Kindern und Jugendlichen. Hilfe für Eltern, Therapeuten und Pädagogen“
Sigrid Sohlmann, 2009, facultas-Verlag

„Frauen & Krebs. Hilfe für Betroffene und Angehörige“
Sigrid Sohlmann, Christian Dadak, 2011, maudrich-Verlag

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